Freitag, 24. November 2006

Die Bibel verschlingen

Bevor ich wieder raus ins Andendorf Río San Pablo fahre, widme ich mich den heutigen Lesungen. In der Apokalypse 10,8-11 wird Johannes empfohlen, die Bibel zu verschlingen. Sie sei süßlich und angenehm im Gaumen, aber bitter im Magen. Irgendwie spricht mich diese Lesung an. Ich mache mir meine Gedanken und versuche sie in meinem Notebook festzuhalten, um sie dann in 25 Examplaren ausgedruckt mit ins Dorf nehmen zu können. Wie haben wir diese Worte zu verstehen, frage ich? Man sollte zuerst einmal darum beten, um den rechten Sinn vom Hl. Geist erschlossen zu bekommen. Sicher geht es nicht darum, die Bibel zu verspeisen. Das würde unserem Magen nicht gut tun und zudem hätten wir sie dann nicht mehr zur Hand, schreibe ich für meine Schüler. Aber, wie wir jeden Tag Nahrung zu uns nehmen müssen, so brauchen wir auch die geistliche Nahrung unseres HERRN. Manchmal erfüllt uns das Bibelwort mit viel Freude, aber mitunter ruft es auch "Magenschmerzen" hervor, gerade dann, wenn wir glauben, dieses Bibelwort wohl nicht so leicht verwirklichen zu können. Denken wir nur an Feindesliebe oder denen zu vergeben, die uns Leid zugefügt haben.

Im Evangelium von Lukas (19, 45-48) ist davon die Rede, das Haus des Herrn nicht zu einer Räuberhöhle zu machen. Es ist ein Haus des Gebetes. Ich erinnere an übrig gebliebene Wasserröhre, Zementsäcke, Gipstüten etc., die ich oft in unseren Kapellen gelagert vorfinde. Dahin zielt das Evangelium des heutigen Tages. Ich schließe zum Schluss noch einige Fragen an, die von den Schülern auf dem Textblatt nach der Predigt beantwortet werden können, wie z. B. : Welche Gegenstände findest Du in Deiner Kirche vor, die nicht in den Gottesdienstraum gehören? Was machst Du vor der Hl. Messe?

Ihr seht, das Evangelium nimmt so ganz praktisch Formen an.

Bei mir wird’s jetzt auch ganz praktisch. Ich muss meine insgesamt 10 Türen!! auf- und abschließen, um meinen Jeep aus der Garage fahren zu können. Dann geht’s ins 40 Minuten entfernte Río San Pablo zum Gottesdienst mit den Schülern. Anschließend werde ich mit den Schülern das Mittagessen einnehmen, was ich in meinen Jahren hier in Lípez sehr zu schätzen weiß, denn es ist nicht selbstverständlich, dass man jeden Tag wie in Dtl. ein Mittagessen auf dem Tisch hat und dann geht es noch weiter nach Polulos. Hier muss ich Gelder für den Bau der Kapelle übergeben, denn nächste Woche werden die Arbeiter nach Tupiza runterfahren, um Holz und Wellblech fürs Dach einzukaufen. Morgen geht’s dann nach San Antonio de Esmoruco, am Sonntag wieder nach Río San Pablo zum Sonntagsgottesdienst und am Montag sehr weit nach Rio Mojón an die argentinische Grenze. Dann wird wohl hoffentlich wieder ein Ruhetag anstehen.

17.20 Uhr: Ich bin wieder zurück vom Außendienst. In der Garage wird mein Jeep wieder betankt, denn wir haben ja in unserer entlegenen Ecke keine einzige Tankstelle. Eines meiner drei Fässer wird geöffnet und mit einem Schlauch sauge ich das Benzin an, um es zunächst in einen 10 Liter Kanister abzufüllen. Daneben steht schon der zweite 10 Liter Kanister, um den Vorgang fließend fortführen zu können. Insgesamt sieben Mal wiederhole ich dies, dann ist der Tank wieder voll. Noch 500 Liter Benzin habe ich in der Garage gelagert. In Dtl. sicherlich schon ein Vergehen, das bestraft werden könnte. Hier könnte ich auch 10.000 Liter Vorrat speichern, das stört niemanden. Südamerikanische Lebensauffassung. Jeder tut, was ihm gefällt. So  auch die Bergbaufirma unterhalb meines etwas höher liegenden Pfarrgeländes, die den riesigen Dieselgenerator wieder rattern lässt. Dagegen kann nun ich nichts unternehmen.

Erfreulich am heutigen Tag war die Auslegung des Tagesevangeliums durch gerade diesen Lehrer Riso. Als wir auf die Sauberkeit des Tempels zu sprechen kamen, leitete er auf den menschlichen Körper über, der ja ein Tempel des Hl. Geistes ist. Wir müssen auch ihn pflegen und säubern. Er sprach davon, dass vielfach der menschliche Körper einfach zu einem sexuellen Lustobjekt degradiert werde. Ob’s die Kleinen verstanden haben, möchte ich mal dahingestellt lassen, aber es ist doch schon beeindruckend, wie aktuell Prof. Riso die Schrift auslegen kann.

Wir nehmen gemeinsam mit den Schülern das Mittagessen ein und da die Schulklassen danach enden, begleitet mich Lehrer Riso noch ins Nachbardorf Polulos, wo wir die Gelder für den Bau übergeben, denn dort war er zuvor für einige Jahre Lehrer gewesen. So können wir noch etwas Lebenserfahrungen austauschen.

Übrigens muss der geplante Sonntagsgottesdienst im Dorf von Lehrer Riso ausfallen. Es findet ein Fußballturnier statt, und da hat aus Erfahrung keiner Interesse am Gottesdienst. Leider, so ist es eben hier!

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